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Hören Sie einen Ausschnitt aus dem Buch "DIE 66 TUGENDEN DER SUFIS" von Yan d'Albert

29. Mitgefühl – Mitleid (ungekürzt)

 arab.: marhamah (Mitleid)

Urteile nie über einen anderen, bevor du nicht einen Mond lang in seinen Mokassins gegangen bist.

Indianisches Sprichwort

Alle Geschöpfe gehören wie eine Familie zu Allâh. Derjenige ist der Meistgeliebte, der höchstes Mitgefühl für seine Familie hegt.

Erbarme dich derjenigen, die auf der Erde sind, so erbarmen sich diejenigen deiner, die im Himmel sind.

Mohammed (s)

Alle 114 Kapitel des Heiligen Koran (mit Ausnahme der neunten Sure) beginnen mit der sogenannten Basmala: BismiLlâh ir-Rahmân ir-Rahîem. Man kann diese Worte folgendermaßen übersetzen: Im Namen Allâhs, des Allerbarmers, des Barmherzigen, bzw. Mitfühlenden. Diese Worte eröffnen nicht nur die täglichen Gebete, sondern werden von den Gläubigen auch vor und nach bestimmten Tätigkeiten gesprochen (z. B. vor dem Essen, beim Betreten der Wohnung, vor einer Autofahrt usw.). Diese immer wiederkehrende Formel von rahmân und rahîem ist ein Impuls an den Gläubigen, seiner Gottesverehrung Ausdruck zu verleihen, indem er in seinem Leben Barmherzigkeit, Mitgefühl und Mitleid nicht nur den Menschen sondern gegenüber jeder Kreatur in Gottes Schöpfung walten lässt.

Der Prophet Mohammed (s) lehrte eine universelle Liebe. Sie geht über die eigene Familie und den Freundeskreis und die Zugehörigkeit zum Islam hinaus:

Wer satt ist, während sein Nachbar hungrig ist, ist nicht wahrhaft gläubig.

Jemand, der kein Mitempfinden mit jungen Menschen hat und die Rechte der Älteren nicht anerkennt, gehört nicht zu uns.

Wer sich nicht der Kleinen erbarmt, den Alten nicht Achtung schenkt, zum Guten nicht auffordert und nicht das Übel verwehrt, gehört nicht zu uns.

Ghazala Anwar, Professor für Islamische Studien, geht sogar soweit, dass er sich gegen das Töten und Verzehren von Tieren ausspricht, was für einen Muslim etwas Ungewöhnliches darstellt: „Gott ist rahmân und rahîem, der Barmherzigste und Mitfühlendste. Wer tatsächlich die gottnahe Tiefe des Islam sucht, prägt sich Gottes Eigenschaften der Barmherzigkeit und des Mitgefühls ein. So wird ein wahrer Gläubiger das Leben der Geschöpfe Gottes achten, erhalten und beschützen, und sie nicht töten, um sie zu verzehren.“ Es gibt tatsächlich eine lebendige vegetarische Tradition im Islam. Schon früh haben Sufis und Schiiten den Vegetarismus als eine ideale Ernährungsweise gelebt und propagiert.

In der Wissenschaft ist von Empathie die Rede. Sie galt lange Zeit als eine rein menschliche Erscheinung. Wir kennen dies vom ansteckenden Gähnen und Weinen, der sogenannten emotionalen Ansteckung. Vielleicht haben sie schon einmal ein oder Ihr Baby aus heiterem Himmel schreien hören, weil ein anderes Baby schrie. Sogar Tiere zeigen gegenüber Artgenossen eine rudimentäre Form von Empathie, wie Forscher bei Affen, Mäusen und anderen einfachen Wirbeltieren nachweisen konnten.

Zwischen Mitleid und Mitgefühl gibt es einen kleinen Unterschied. Mitleid kann leicht in sentimentales, passives Bedauern ausarten, wenn im Leiden des anderen und dem eigenen Mitleiden verharrt wird. Mitgefühl dagegen bezeichnet einen mitfühlenden Ausdruck oder eine Eigenschaft des anderen.

 

Meditation des Mitgefühls

Meditieren Sie über einen Menschen, der im Moment Ihr Mitgefühl erregt. Versetzen Sie sich einmal genau in seine Lebenssituation. Stellen Sie sich im „Schnelldurchlauf“ in Gedanken einen Tag dieses Menschen vor. Bewegen Sie sich wie er. Denken und sprechen sie wie er. Erledigen Sie Dinge wie er. Leben sie mal sein Leben.

Diese Übung ist gewiss nicht einfach oder angenehm. Aber sie wird Ihnen helfen, mehr Sensibilität, Mitgefühl und Mitleid für Ihre Mitmenschen zu entwickeln.

 

Dhikr

 

Ya Rahmân, ya Rahmân, ya Rahmân ... („O Du Allerbarmer, o Du unendlich Guter“)

Ya Rahîem, ya Rahîem, ya Rahîem ... („O Du Barmherziger, o Du Mitfühlender“)

Ya Rahmân, ya Rahîem ...

Ya Ra´ûf, ya Ra´ûf, ya Ra´ûf ... („O Du Mitleid habender“)

 

 

Yan d'Albert | yandalbert@t-online.de